Wie kann man nur die Russen hassen?

Eine sehr persönliche Analyse meines Hasspotentials
"Wie kann man nur die Russen hassen?
Neulich hörte ich jemanden irgendwo genau das sagen:
„Wie kann man nur die Russen hassen?“
Stimmt, dachte ich sofort.
Nur die Russen?
Das ist schon sehr wenig und
extrem einseitig.
Es mag ja durchaus sein, dass es solche Menschen gibt, die ihren gesamten Hass nur auf ein einziges Phänomen richten können, in diesem Falle
nur auf ein einziges Volk. Aber ich bin mir sicher, dass die meisten Menschen auch beim Hass auf andere Menschen und Völker
durchaus vielseitig, divers und multikulturell
unterwegs sind.
Wie steht es um mich? Um mich und meinen Hass? Ich muss mir eingestehen:
Der Hass und ich sind heute nicht mehr ganz so
kompatibel
wie früher. Früher hasste ich vieles. Das
frühe Aufstehen, um in die Schule zu gehen und in der Schule hasste ich fast
alle Lehrer. Ich hasste auch schon ganz früh
die Kirche, die Talarträger und Gottes Schäfchen, all die
Heuchler, die Sonntags in die Kirche gingen. Ich hasste die
Lederhose, die meine Mutter so toll an mir fand und die selbst
gestrickten Socken
von Oma. Ich hasste
Ulli Hoeness
und
den FC Bayern München,
Franz Joseph Strauss und später
Kohl und andere
Gemüsesorten
auch. Ich hasste
Ungerechtigkeiten, wenn größere
Jungs kleinere verkloppten, ich hasste die
Petzer
und
Klassenbuch-Führer,
Arschkriecher
und
Schleimer.
Es gab so viele davon und mein Hass war ganz schön vielseitig unterwegs und gut beschäftigt.
Doch mit den Jahren ging
meinem Hass die Energie aus. Obwohl es doch immer noch ausreichend
Hass Potential gibt. Ich könnte aus
dem Vollen schöpfen:
die Russen, die Moslems, die Juden, die Woken, Klimaleugner und Klima-Aktivisten, die Impfverweigerer, Coronazis, Trump, Putin, Netanjahu, den Iran, die Linken und Rechtsextremen, den Kanzler, die Grünen, die Kriegs-Treiber und
die Liste ließe sich unendlich
fortführen.
Bin ich vielleicht
nur überfordert, angesichts des breiten Angebots an Subjekten und Objekten, denen sich
mein Hass mit Leidenschaft zuwenden könnte? Ich denke nicht. Es ist was anderes. Es ist
meine Realität, die mich immer wieder ausbremst bevor ich überhaupt
aufs Gaspedal
treten kann. Während andere
den Gang einlegen und Gas
geben, trete ich auf die Bremse und ziehe noch gleich die Handbremse. Das liegt eindeutig an
meiner Wahrnehmung, die offenbar eine ganz andere ist als die meiner Mitmenschen.
Nur ein Beispiel. Allein die Begriffe
„alimentierte Messermänner“
und
„Kopftuch-Mädchen“ reichen doch dem Normalbürger völlig aus, seinen
Hass auf eine gewisse Glaubensgemeinschaft
und gewisse
Volksgruppen zu richten.
Nach 9/11
und den
unzähligen Hollywood Filmen und Netflix-Serien, in denen
Moslems immer nur als Terror-Islamisten gezeigt wurden und den
begleitenden Attentaten, sollte doch auch
mein Hass längst aktiviert
und
eindeutig zielgerichtet
sein. Aber nein. Ich kann mich noch so bemühen und einen gepflegten Moslem-Hass kultivieren, aber dann treffe ich
beim Fussballschauen in einer Bar z.B. junge Moslems, die
nicht nur besser Hochdeutsch reden, als viele
deutsche Jugendliche in Berlin und darüber hinaus frisch gescheitelt,
extrem gepflegt, gut gekleidet
und mit einem exzellenten Benehmen glänzen.
Höflich. Zuvorkommend. Aufmerksam. Unterhaltsam. Wie soll ich denn so Moslems hassen? Oder ich treffe im Dönerladen
ähnliche nette Kerle, mit denen ich mich gut unterhalten kann und
die im Gespräch Weltoffenheit, Interesse an anderen Kulturen und Tolleranz zeigen. Neee. So wird das nichts mit Moslems hassen.
Ähnliches passiert mir dann auch immer wieder
mit Juden, die trotz Netanjahu und dem Treiben der israelischen Regierung,
so ganz anders sind, wie auch mit
Linken und selbst Woken
und
Rechtsextremen und all den
Klimaverwirrten. Es gibt da immer wieder diese Exemplare, die mir im Leben begegnen und die einfach nicht in die
gesellschaftlich und medial genormten Hass-Schablonen passen.
Das aber macht es
mir unmöglich, in der
Hass-Gemeinschaft
aufzugehen.
Warum muss ich auch immer
so genau hinsehen? Warum muss ich diese
anekdotischen Einzelerlebnisse, die von den medial normierten
Hass-Schablonen abweichen,
derart überbewerten? Warum erlaube ich mir nicht, wie in meiner Jugend, einfach nur leidenschaftlich zu hassen?
Das liegt auch daran, dass ich mich seit vielen Jahren viel zu viel
mit Philosophie und spirituellen Dingen
beschäftige. Dabei habe ich unter anderem erkannt, das hinter dem Hass der Menschen meist
nur manipulierende Gruppen und Eliten stehen, die den Hass der Massen
bewusst anfeuern. Weil sie diese
negative Energie
jeweils für
ihre Interessen
nutzen. Leider mit Erfolg.
Je
intensiver ich mich jedoch mit dem Hass anderer beschäftige und
diesen analysiere, um so mehr transformieren sich meine eigenen Emotionen in Mitleid. Ja. Mitleid. Das ist eine gute Beschreibung denke ich.
Heute kann ich sagen,
ich bemitleide auch all diejenigen, die
ich früher hasste
und wenn mir heute jemand ziemlich
aggressiv, arrogant oder dumm daherkommt, dann schenke ich ihm
mein Mitleid,
segne ihn innerlich und
bitte das Universum
ihm seine Dummheit, Aggression oder Arroganz
zu verzeihen.
Natürlich gibt es genügend Gründe einen Bill Gates zu hassen, einen Jens Spahn, Karl Lauterbach, einen politischen Massenmörder und so viele andere düstere Gestalten der Weltgeschichte, aber ich kann es einfach nicht. Es fehlt mir auch der Spaß daran. Und ich liebe es mein Leben, nach dem Spaß auszurichten. Tanzend und lachend in den Weltuntergang? Warum nicht? Immer noch besser als voller Hass und mit vollgeschissenen Hosen. Der Hass wird mich sowieso nicht vor neuen Krisen und neuen Weltkriegen retten. Nichts wird mich davor retten können, was hassende Menschen anrichten. Um so lieber widme ich mich doch den Freuden des Lebens und belasse es lieber beim Mitleid.
Das macht mir Spass. Ich rede
nicht vom Mitgefühl. Nein
Mitgefühl habe ich nur für die Menschen, die unter dem Hass anderer
leiden. Vor allem mit den
vielen Unschuldigen, die wegen dem Hass anderer
unterdrückt, diskriminiert, gefoltert, vergewaltigt und abgeschlachtet
werden. Die Hassenden, die Gleichgültigen und die Dummen dieser Welt haben jedoch maximal mein Mitleid verdient und nicht mehr.
Denn sie werden nie erfahren,
wie wunderbar mein hassbefreites Leben ist.










