dersven • 27. September 2026

Wie kann man nur die Russen hassen?

Eine sehr persönliche Analyse meines Hasspotentials


"Wie kann man nur die Russen hassen?

Neulich hörte ich jemanden irgendwo genau das sagen: „Wie kann man nur die Russen hassen?“ Stimmt, dachte ich sofort. Nur die Russen? Das ist schon sehr wenig und extrem einseitig. Es mag ja durchaus sein, dass es solche Menschen gibt, die ihren gesamten Hass nur auf ein einziges Phänomen richten können, in diesem Falle nur auf ein einziges Volk. Aber ich bin mir sicher, dass die meisten Menschen auch beim Hass auf andere Menschen und Völker durchaus vielseitig, divers und multikulturell unterwegs sind.  

Wie steht es um mich? Um mich und meinen Hass? Ich muss mir eingestehen: Der Hass und ich sind heute nicht mehr ganz so kompatibel wie früher.  Früher hasste ich vieles. Das frühe Aufstehen, um in die Schule zu gehen und in der Schule hasste ich fast alle Lehrer. Ich hasste auch schon ganz früh die Kirche, die Talarträger und Gottes Schäfchen, all die Heuchler, die Sonntags in die Kirche gingen. Ich hasste die Lederhose, die meine Mutter so toll an mir fand und die selbst gestrickten Socken von Oma. Ich hasste Ulli Hoeness und den FC Bayern München, Franz Joseph Strauss und später Kohl und andere Gemüsesorten auch. Ich hasste Ungerechtigkeiten, wenn größere Jungs kleinere verkloppten, ich hasste die Petzer und Klassenbuch-Führer, Arschkriecher und Schleimer. Es gab so viele davon und mein Hass war ganz schön vielseitig unterwegs und gut beschäftigt. 

Doch mit den Jahren ging
meinem Hass die Energie aus. Obwohl es doch immer noch ausreichend Hass Potential gibt. Ich könnte aus dem Vollen schöpfen: die Russen, die Moslems, die Juden, die Woken, Klimaleugner und Klima-Aktivisten, die Impfverweigerer, Coronazis, Trump, Putin, Netanjahu, den Iran, die Linken und Rechtsextremen, den Kanzler, die Grünen, die Kriegs-Treiber und die Liste ließe sich unendlich fortführen.


Bin ich vielleicht
nur überfordert, angesichts des breiten Angebots an Subjekten und Objekten, denen sich mein Hass mit Leidenschaft zuwenden könnte? Ich denke nicht. Es ist was anderes. Es ist meine Realität, die mich immer wieder ausbremst bevor ich überhaupt aufs Gaspedal treten kann.  Während andere den Gang einlegen und Gas geben, trete ich auf die Bremse und ziehe  noch gleich die Handbremse. Das liegt eindeutig an meiner Wahrnehmung, die offenbar eine ganz andere ist als die meiner Mitmenschen. 

Nur ein Beispiel. Allein die Begriffe „alimentierte Messermänner“ und „Kopftuch-Mädchen“ reichen doch dem Normalbürger völlig aus, seinen Hass auf eine gewisse Glaubensgemeinschaft und gewisse Volksgruppen zu richten. Nach 9/11 und den unzähligen Hollywood Filmen und Netflix-Serien, in denen Moslems immer nur als Terror-Islamisten gezeigt wurden und den begleitenden Attentaten, sollte doch auch mein Hass längst aktiviert und eindeutig zielgerichtet sein. Aber nein. Ich kann mich noch so bemühen und einen gepflegten Moslem-Hass kultivieren, aber dann treffe ich beim Fussballschauen in einer Bar z.B. junge Moslems, die nicht nur besser Hochdeutsch reden, als viele deutsche Jugendliche in Berlin und darüber hinaus frisch gescheitelt, extrem gepflegt, gut gekleidet und mit einem exzellenten Benehmen glänzen. Höflich. Zuvorkommend. Aufmerksam. Unterhaltsam. Wie soll ich denn so Moslems hassen? Oder ich treffe im Dönerladen ähnliche nette Kerle, mit denen ich mich gut unterhalten kann und die im Gespräch Weltoffenheit, Interesse an anderen Kulturen und  Tolleranz zeigen. Neee. So wird das nichts mit Moslems hassen.

Ähnliches passiert mir dann auch immer wieder
mit Juden, die trotz Netanjahu und dem Treiben der israelischen Regierung, so ganz anders sind, wie auch mit Linken und selbst Woken und Rechtsextremen und all den Klimaverwirrten. Es gibt da immer wieder diese Exemplare, die mir im Leben begegnen und die einfach nicht in die gesellschaftlich und medial genormten Hass-Schablonen passen. Das aber macht es mir unmöglich, in der Hass-Gemeinschaft aufzugehen. 

Warum muss ich auch immer so genau hinsehen? Warum muss ich diese anekdotischen Einzelerlebnisse, die von den medial normierten Hass-Schablonen abweichen, derart überbewerten? Warum erlaube ich mir nicht, wie in meiner Jugend, einfach nur leidenschaftlich zu hassen?  

Das liegt auch daran, dass ich mich seit vielen Jahren viel zu viel mit Philosophie und spirituellen Dingen beschäftige. Dabei habe ich unter anderem erkannt, das hinter dem Hass der Menschen meist nur manipulierende Gruppen und Eliten stehen, die den Hass der Massen bewusst anfeuern.  Weil sie diese negative Energie jeweils für ihre Interessen nutzen. Leider mit Erfolg.

Je intensiver ich mich jedoch mit dem Hass anderer beschäftige und diesen analysiere, um so mehr transformieren sich meine eigenen Emotionen in Mitleid. Ja. Mitleid. Das ist eine gute Beschreibung denke ich.

Heute kann ich sagen,
ich bemitleide auch all diejenigen, die ich früher hasste und wenn mir heute jemand ziemlich aggressiv, arrogant oder dumm daherkommt, dann schenke ich ihm mein Mitleid, segne ihn innerlich und bitte das Universum ihm seine Dummheit, Aggression oder Arroganz zu verzeihen.
 

Natürlich gibt es genügend Gründe einen Bill Gates zu hassen, einen Jens Spahn, Karl Lauterbach, einen politischen Massenmörder und so viele andere düstere Gestalten der Weltgeschichte, aber ich kann es einfach nicht. Es fehlt mir auch der Spaß daran. Und ich liebe es mein Leben, nach dem Spaß auszurichten. Tanzend und lachend in den Weltuntergang? Warum nicht? Immer noch besser als voller Hass und mit vollgeschissenen Hosen. Der Hass wird mich sowieso nicht vor neuen Krisen und neuen Weltkriegen retten. Nichts wird mich davor retten können, was hassende Menschen anrichten. Um so lieber widme ich mich doch den Freuden des Lebens und belasse es lieber beim Mitleid.


Das macht mir Spass. Ich rede nicht vom Mitgefühl. Nein Mitgefühl habe ich nur für die Menschen, die unter dem Hass anderer leiden. Vor allem mit den vielen Unschuldigen, die wegen dem Hass anderer unterdrückt, diskriminiert, gefoltert, vergewaltigt und abgeschlachtet werden. Die Hassenden, die Gleichgültigen und die Dummen dieser Welt haben jedoch maximal mein Mitleid verdient und nicht mehr.

Denn sie werden nie erfahren, wie wunderbar mein hassbefreites Leben ist. 

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